Öl und Bleistift auf Papier
42 x 29.7 cm
Eröffnung am Donnerstag, 26. März, 18 bis 20 Uhr
Kennzeichnend für Paula Regos Laufbahn war ihr Bedürfnis, sich ständig zu verändern und neu zu erfinden; sie hütete sich davor, sich auf einen künstlerischen „Prozess“ zu verlassen – eine Falle, in die sie in den 1960ern mit ihren Collagen getappt war.
„Ich hatte einen Prozess und eine bestimmte Vorgehensweise, also dachte ich dann, wenn ich diesen Prozess so befolge, dann wird schon etwas passieren, und natürlich funktioniert das überhaupt nicht so. Man wird dann akademisch, weil man einen Prozess hat, und der Prozess ist tödlich. Was man braucht, ist eine Entdeckung und eine Erfindung.“ (Rego im Gespräch mit Cathy Courtney, 2003)
Doch bei den stilistischen Verwandlungen und Entdeckungen im Lauf ihres Lebens gab es eine wichtige Konstante: das Zeichnen. „Ich bin Zeichnererin“, sagte sie einmal zu mir und erfand dabei ein neues Wort. „Dein Vater war der Maler. Ich bin die Zeichnererin.“
Für Paula war Zeichnen der Zugang zu allem, durchs Zeichnen wurde sie sich über ihre Geschichte, ihr Bild, sich selbst klar. Zeichnend verstand sie die Welt, Beziehungen, ihre Gefühle. Es war nicht nur eine Art zu sehen, sondern eine umfassende Erkundung ihrer inneren Welt.
„Ich lasse mich auf das ein, was passiert; das ist etwas Körperliches … Ich habe mir selbst Angst eingejagt: Unschöne Dinge kommen zutage, Krankheiten, eine Art Tod kommt ins Bild. Aus meiner eigenen Vergangenheit kommen Dinge hoch, an die ich nicht gedacht hatte, aber ich lasse einfach geschehen, was geschieht, indem ich Launen nachgebe.“ (Rego in Abbot Hall, 2001)
Bis in die späten 1980er Jahre – Paula war bereits in ihren Fünfzigern – zeichnete sie fast ausschließlich aus der Fantasie heraus, nicht nach dem Leben. So hatte sie größere Freiheit beim Erfinden, und da ihr Hauptziel nicht naturalistische Darstellung war, sondern, die Ton-, Ausdrucks- und Gefühlswerte ihrer Sujets zu treffen, schien das das Richtige. Aus der Fantasie heraus zu arbeiten ermöglichte ihr, Affekte zu überzeichnen, die die Geschichte besser zur Geltung brachten.
Aber all das veränderte sich in den 1990ern, als sie für ihre zunehmend nuancierte Sichtweise nach einer reiferen Darstellungsform suchte. Jetzt erkundete Paula nicht mehr die Möglichkeiten des expressionistischen Stils, ihre oft dunklen und komplexen Geschichten durch die Hintertür zu vermitteln. Jetzt ging es darum, das eine Bild zu finden, das die vielschichtigen gemischten Gefühle, mit denen sie sich auseinandersetzen musste, auf den Punkt brachte.
Deswegen zeichnete Paula von 1987 bis zu ihrem Tod fast ausschließlich nach dem Leben. Geschichten zu erzählen war weiterhin die Antriebsfeder ihrer Bilder, aber nun waren es Geschichten, die zunehmend mit ihrer eigenen autobiografischen Erfahrung verschmolzen. Und ihre Modelle, ihre Frauen, wurden ihre zweiten Ichs, Avatare ihrer wiedererlebten Vergangenheit.
Paula Regos Frauen ist die erste Ausstellung in Deutschland, die ein Schlaglicht auf die genauen und sorgfältig angelegten Zeichnungen wirft, die diese Blütezeit ihres Schaffens prägen.
Jede erzählt eine Rego-Geschichte: In einem einzigen Bild sind starke innere Gefühle eingefangen, die ganz ihre eigenen, ganz individuell sind und gerade dadurch eine universelle Verbindung zu uns aufbauen, weil wir ihre Authentizität spüren und zugleich merken, dass sie eine unbequeme Wahrheit widerspiegeln.
Sie reichen von verdeckten Analysen des Alltäglichen bis hin zu unbehaglichen Untersuchungen schwieriger Themen. Cutting (2003) zum Beispiel mag wie ein harmloses Bild häuslicher Körperpflege wirken, doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass hier eine Frau sich dem männlichen Blick verweigert, ein symbolisches Signal feministischen Widerstands sendet.
Study for Lying (1998) wiederum erfasst die Bedeutung der Körperhaltung und Geste derjenigen, die belogen wird. In der Neigung ihres Kopfes, im hinter das Ohr gestrichenen Haar, das ihr Zuhören verdeutlicht, in der ergeben geöffneten Hand scheint Paulas persönliche Auseinandersetzung mit der Lüge auf. Für sie geht es mindestens so sehr darum, Vertrauen aufzubauen und Aufmerksamkeit zu binden, wie um die Lügengeschichte selbst.
Riding Girl in Jodhpurs (1999) stellt durch Kleidung und Körpersprache genüsslich geschlechtliche Identitäten in Frage. Die Frau spreizt ihre Beine wie ein Mann, signalisiert so ihren Status und scheut sich nicht, weibliches sexuelles Begehren zur Schau zu stellen. Ihr befriedigtes Lächeln lässt vermuten, dass sie ihr Pferd bereits geritten und ihren Spaß gehabt hat.
Study for Alice (2003) wirkt zunächst wie eine schnörkellose Darstellung einer jungen Frau, aber bei genauerem Hinsehen fällt als beherrschendes Element in der Mitte der Studie eine sorgfältig gezeichnete Hand mit langen Fingernägeln auf, eine Klaue, die aufreizend ist und zugleich eine potenziell tödliche Waffe. Die Porträtierte leitete damals eine portugiesische Gewerkschaft für Sexarbeitende. Nachdem sie selbst jahrelang im Gewerbe tätig gewesen war, hatte sie sich entschlossen, für die Rechte der Frauen in ihrem Beruf zu kämpfen. Sie sieht aus wie ein liebes Mädchen, aber nach dieser Zeichnung zu schließen, kann sie gut auf sich selbst aufpassen.
Die zwei Studien für The Fitting (1990) bieten einen faszinierenden Einblick in die besondere Anziehungskraft, die die Darstellung von Status auf Paula ausübte. Eine gut gekleidete ältere Dame in Stiefeln mit hohen Absätzen muss in die Knie gehen, um den Saum des Kleides eines jungen Mädchens festzustecken. Ihre Kleidung lässt auf einen höheren Status schließen, als zu ihrem Beruf passt.
Die Entdeckungen, die Paula in jeder dieser Zeichnungen nach dem Leben machte, gründen auf ganz persönlichen Erfahrungen. Jede Motivwahl spiegelt ein Thema wider, das sie zu dieser Zeit besonders interessiert; jede Erzählung hilft ihr, sich einer Erinnerung oder einer schwierigen Situation in der Vergangenheit zu nähern, die sie verarbeiten muss.
Young Girl (2002) ist eine berührende, gar herzzerreißende Geschichte von jugendlicher Verletzlichkeit und aufblühender Sexualität. Ohne Zweifel erlebt die 66-jährige Künstlerin beim Zeichnen in gewisser Hinsicht dieses Gefühl des Ausgesetztseins nach, wenn sie jede seiner Nuancen aus der Erinnerung herausarbeitet. Und vielleicht entfacht sie dabei etwas neu. Wie sie es formulierte: „Aus meiner eigenen Vergangenheit kommen Dinge hoch, an die ich nicht gedacht hatte, aber ich lasse einfach geschehen, was geschieht …“
Nick Willing, Januar 2026